DFB-Kongress in Dortmund 2016 – Fußball, Integration und eine Welt der Prominenz

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Es ist Freitagabend 23 Uhr, und meine Schritte werden aufgrund der Kälte und der Dunkelheit schneller. In unmittelbarer Nähe soll sich das Hotel befinden, in dem Eva und ich zusammen mit vielen anderen Gästen aus ganz Deutschland in den nächsten zwei Tagen untergebracht sein werden. Gleich neben dem beleuchteten Hotel erblicke ich nun Zelte, eine aus dem Boden gestampfte Dortmunder bedarfsorientierte Erstaufnahmestelle. Die Gelände trennen Büsche und Zäune. Und: sie trennen zwei Welten von Menschen.
Ich trete ein – heute nicht in die Welt der Flüchtlinge – wie sonst, wenn ich in die Bissierstraße fahre – sondern in die Welt der „Privilegierteren“. An diesem Abend, an dem ich mich müde von der Reise überreden lasse, noch mit zum Empfang zu gehen. Eva – meine Kick-Partnerin, empfängt mich in schickem Dress-Code und berichtet mir von den ersten Personen, die ich unbedingt kennenlernen muss. Es werden Hände geschüttelt und erste Gesichter zugeordnet. Was auffällt: Die Menschen haben hier alle einen Titel. Nicht in dem Sinne, dass sie Professoren oder Doktoren sind, aber sie sind nicht einfach Frau oder Herr Sowieso, sondern Integrationsbeauftragte, Sondergesandte, Botschafter, Manager, Leiter. Jede und jeder ist hier in einer speziellen Funktion – in irgendeiner Art an der Integrationsaufgabe in Deutschland, in Europa sowie weltweit beteiligt.
Der DFB hat eine Vorauswahl an Menschen getroffen, die mit der Integrationsaufgabe betraut sind und diese für zwei Tage zum Austausch eingeladen. Sie sollen über Integration als Chance sprechen sowie Grenzen aufzeigen und Handlungsempfehlungen formulieren. Das Forum bilden diverse Workshops, Podiumsdiskussionen und Vorträge.
Den Höhepunkt des Kongresses bildet die DFB-Gala mit Verleihung des Integrationspreises. Aus vielen hundert Bewerbern hat die Jury aus DFB- und Mercedes Benz-Vertretern die Gewinner aus drei Kategorien ausgewählt: Vereine, freie Träger und Schulen. Die Sieger zeichnen sich jeweils durch Zivilcourage, ein Angebot vielfältiger Sport- und Fußballangebote für Geflüchtete und darüber hinausgehende Unterstützungsmaßnahmen wie zum Beispiel in den Bereichen der Sprachförderung und der Schulausbildung aus.
An dem Abend bekommen wir Gelegenheit, in informeller Runde über unsere Projekterfahrungen zu sprechen und zum Teil kontrovers darüber zu diskutieren, wie Integration konkret werden kann.
Der Austausch ist unglaublich bereichernd, weil wir mit Menschen in Kontakt kommen, die in ganz Deutschland unter ganz verschiedenen Bedingungen ihren Beitrag zur Integration leisten.
Zusammenfassende Betrachtungen kommen nicht umher, Integration auch als komplexe Herausforderung zu definieren. Einflussfaktoren, die das Engagement der Anwesenden lokal bestimmen, sind u.a.: Die geografische Lage / das Bundesland / ländlicher Raum versus Stadt. Wie groß ist der Anteil der Migranten und der Flüchtlinge? Wie offen sind die Menschen vor Ort für das Thema – wie groß ist die Bereitschaft des Vereins sich für Flüchtlinge zu öffnen? Welche Infrastruktur bietet die Region? Welche Expertise gibt es in diesem Bereich? Wie ist die Vernetzung unter Vereinen, Schulen, der Kommune?
Diese Fragen, die die Rahmenbedingungen der Integration vor Ort betreffen, sind nicht abgekoppelt von den konkreten Fragen: Welche Angebote und Erfolgskonzepte gibt es? Wie ist der Ansatz zu bewerten? Welche Schwächen und Herausforderungen tun sich auf und welche Handlungsempfehlungen können wir geben?
Der DFB wird die Ergebnisse in einer neuen Broschüre für alle aktiven Initiativen im Bereich der Integration im und durch Sport/Fußball zusammenstellen.
Der krönende Abschluss ist der Aufenthalt im Deutschen Fußball Museum am nächsten Morgen. Spätestens jetzt sollte allen Teilnehmenden bewusst geworden sein, dass der DFB uns vor Ort darin bestärken will, weiter zu machen und im Sinne einer Gemeinschaftsaufgabe eine außerordentlich wichtige Aufgabe für die Gesellschaft zu übernehmen.
Wie ich nach Hause fahre? – Motiviert! Mit der Hoffnung, dass dieses Gefühl des empowerments mir bis zur nächsten Veranstaltung Auftrieb in der Praxis gibt. Ich habe jetzt eine Ahnung, wie viele Menschen in Deutschland ehrenamtlich und hauptamtlich viel Lebenszeit und große Mühen aufbringen, dass den geflüchteten Menschen Perspektiven eröffnet werden und der Slogan „Welcome refugees“ tatsächlich die Philosophie der Sportlandschaft bestimmt.

Bericht: Maria Greshake