Kick qualifiziert – „Sport mit Flüchtlingen”

Fortbildungsveranstaltung im Institut für Sport und Sportwissenschaft.

Meldung: Beschlagene Fenster in Seminarraum 1. Zeit: Freitag nachmittag. Ort: Institut für Sportwissenschaft der Universität Freiburg. Sachlage: Studierende sind schon den ganzen Tag anwesend, die sich ehrenamtlich und ohne Aussicht auf Creditpoints Vorträge anhören und engagiert miteinander diskutieren. Es geht um Flüchtlinge, Die Vortragenden kommen aus Syrien, Iran und Südafrika. Der Vorname des vierten Referenten – Dimitri – klingt griechisch.  – Ich schleich mich mal rein – die Stimmung ist gut, das scheint ne ganz heitere Runde zu sein.

Der Raum füllt sich – es ist 9 Uhr in der Früh. Nicht nur Kick-Übungsleiter/innen, sondern auch Kooperationspartner und interessierte Sportstudent/innen versammeln sich im Raum und werden mit Keksen, Tee und Kaffee begrüßt. Die Tische werden gerückt und dann beginnt die Fortbildung, die der Projektleitung schon lange ein Anliegen war. Es sollte nun endlich eine Plattform geschaffen werden, um die Arbeit mit Jungs und Mädchen mit Fluchthintergrund zu reflektieren. Dazu hatte das Leitungsteam von Kick für soziale Entwicklung am Freitag von 9-16 Uhr in das Sportinstitut geladen.

Los ging es mit einem kleinen Überblick, wer von den Teilnehmenden aus welchem Grunde dabei ist und wer selbst aktiv Sportgruppen betreut.

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Frau Prof. Dr. Petra Gieß-Stüber klärte das Anliegen des Programms kick in neue räume, bereitete die Gruppe darauf vor, was „kultursensitiv Sport vermitteln“ bedeuten könnte und erläuterte das Tagesprogramm. | Folien des Vortrages

 

 

Ab 10 Uhr hatten dann die vier verschiedenen Referenten des Tages das Wort.

2016_02_veranst__011Iyas Ahmad, geboren in Syrien und zur Zeit Doktorand an der Uni Karlsruhe, legte uns die Situation vor dem Krieg in Syrien dar, sprach von Fluchtursachen und pointierte am Ende seinen Vortrag mit eigenen Erfahrungen aus der Praxis mit Flüchtlingen aus Erstaufnahmelagern in Karlsruhe.

Er ermutigte uns, klare Regeln durchzusetzen und wirklich nur die Jungs mit einzubeziehen, die sich an Abmachungen halten können. Aus seiner Sicht gilt für arabische Jungs: “If you are too friendly, you will never be a good teacher”. Den Frauen im Kick-Team wurde deutlich, dass ihre Rolle in Jungengruppen nicht ganz einfach ist. Iyas Ahmad machte anschaulich die große Bedeutung der Familien deutlich, die ausdrücklich am Prozess der Integration beteiligt werden müssen.  | Folien des Vortrages

2016_02_veranst__016Daran anschließend sprach Shahrzad Mohammadi – Doktorandin der Sportpädagogik am IfSS Freiburg – über den Kontext muslimischer Frauen im Sport. “Islam encourages women to practice sport” – eine für manche erfahrene Übungsleiter/innen der kick for girls AGs unerwartete Aussage. Denn Erfahrungen sind präsent, in denen muslimische Mädchen ab circa 14 Jahren weniger an Angeboten teilnehmen (dürfen). Sharzad sensibilisierte uns dafür, die Unterschiedlichkeit auch zwischen muslimischen Mädchen wahrzunehmen und dafür, zwischen religiösen und kulturellen Faktoren, die die Sportteilnahme beeinflussen, zu unterscheiden. Auch sie betonte die Notwendigkeit der Einbeziehung der Familie – so ähnlich hat sie es selbst für ihr eigenes Projekt Bike-Brigde plant: Den Frauen von der Bissierstraße Fahrrad fahren beizubringen, gemeinsame Ausflüge im Raum Freiburg zu unternehmen, reparieren – und dabei Familienangehörige miteinzubeziehen.

Shahrzad Mohammadi hat uns in ihrem Vortrag die Situation der Frauen im Kontext der Flucht und des Aufenthalts in Camps sehr engagiert deutlich gemacht und zugleich ganz im Zeichen des “women empowerment” einen neuen Kontext in die bis dahin jungenlastigen Inhalte gebracht.  | Folien des Vortrages

2016_02_veranst__019Nach einer kurzen Verschnaufpause gehörte das Wort Khathutshelo Muthivhi. Er ist Sozialarbeiter des Flüchtlingswohnheims in der Bissierstraße und kommt aus Südafrika. Er ließ uns teilhaben an seinen täglichen Erfahrungen mit Flüchtlingen in einer der größten Flüchtlingsunterkünfte der Stadt – dem „Ghetto“, wie er oft zu hören bekommt. “Ich habe nicht viel Zeit – Sprechstunde in der Bissierstraße”, so klingt ein beschäftigter Mann, der sich nur kurz Zeit für den Vortrag nehmen konnte und gleich wieder losmusste. Seiner guten Laune konnte das aber nichts anhaben. Er brachte uns auf gleichermaßen unterhaltsame und nachdenklich stimmende, anekdotenreiche Weise das Leben in der Bissierstraße näher.

Wenn er über die Situation der Kinder sprechen soll, ist er schnell wieder bei den Eltern. “They are really under pressure”. Der drohende Abschiebezettel in gelb oder die finanzielle Versorgung der Heimatfamilien z.B. in Gambia sind nur zwei der Belastungen, weshalb seiner Meinung nach die jungen Männer alt aussehen. Die Frauen seien oft schwanger und sehen seiner Meinung nach Kinder als soziale Absicherung und Abschiebehindernis. Diese Denke führt zu Kindern die Mittel zum Zweck werden – eine traurige Entwicklung mit schwerwiegenden Folgen. Er sprach auch über die fehlende Akzeptanz ihm als “coffee coloured” Sozialarbeiter gegenüber sowie sehr besorgt über die Drogen-Problematik mancher junger Flüchtlinge im Wohnheim. Khathu ist begeistert von der Arbeit des kick-Teams im Flüchtlingswohnheim und beschreibt, dass die Sportangebote die Stimmung verbessern, das 24-Stunden TV-Schauen mancher Jugendlicher unterbreche und auch für ihn selbst einen besseren Zugang zu vielen Bewohnern ermöglicht hat.

2016_02_veranst__028Dimitri Schatz, Lehramtsabsolvent der PH Freiburg, gab den rauchenden Köpfen vor der Mittagspause spannende Einblicke in seine Arbeit bei “Stille Jungs”. In diesem Projekt verbinden sich Stille und Kampfsport. Er gab aus seiner sozialpädagogischen Arbeit mit Jungs, die häufig als „Bildungsverlierer”  dargestellt werden, Anregungen weiter, die sich Schulkontext bewährt haben. Er gibt zu, oft sehr lange zu brauchen, bis zum Beispiel ein respektvoller Umgang in den Gruppen herrscht oder Regeln Geltung finden. Neben seinen langjährigen Erfahrungen in dem Sportprojekt, fließen auch Einflüsse aus der Arbeit für die Bundeswehr in Flüchtlingsaufnahmeeinrichtungen mit in seine Ausführungen ein. Immer wieder betont er, dass es wichtig sei, den jungen Menschen eine Orientierung zu geben, sonst tun es andere  Dimitir scheute nicht zu sagen, dass eine restriktive, autoritäre und disziplinorientierte Art dazu gehört, wenn man die gesetzten Ziele in dieser Zielgruppe erreichen will – insbesondere zu Beginn. Außerdem war seine Vorstellung der “Bruder”-Idee für unser Projekt anschlussfähig. Dabei übernehmen ältere Jugendliche Verantwortung für jüngere und man bindet sie in die Praxis mit ein. Dimitri mahnte uns zur Geduld, da Lernprozesse dauern und ein halbes Jahr vergehen kann bis es z.B. zu einem respektvollen Umgang kommt. 

Nach der Mittagspause, in der Kleiderspenden zur Weitergabe verteilt wurden und die Vorträge erst einmal verarbeitet werden mussten, ging es dann in den aktiven Praxisteil über: Während eines 90minütigen Sportprogramms durften die Übungsleiter/innen sich endlich bewegen und selbst einige Spiele ausprobieren. Die Besonderheit lag in der Inszenierung, dass zwischendurch Interventionen auftraten, zu denen sich die Teilnehmer/innen positionieren mussten. In einem Quadrat verhielten sie sich zu verschiedenen Verhaltensoptionen A, B, C oder D.

In der Praxis wurden Störungen aus dem alltäglichen Geschehen der Übungsleiter/innen aufgegriffen – wie z.B. Streitereien um die Reihenfolge beim Schießen, die Teamzuteilung, der Umgang mit Sieg oder Niederlage, den Sprachbarierren etc. So groß die Vielfalt der Übungsleiter/innen so groß war die Heterogenität und die Kreativität in den Reaktionen auf die Situationen. Immer wieder wurden die Teilnehmer/innen gebeten, ihre Reaktion zu begründen. Dabei wurde sichtbar, dass der Umgang mit Störungen, Konflikten, Missverständnissen – „critical incidents, wie Petra Gieß-Stüber es nannte – nicht rezepthaft erfolgen kann, sondern auf die jeweilige Zielgruppe abgestimmt sein muss und auf das angestrebte sportliche und pädagogische Ziel. 

In einer abschließenden Reflexion wurden unsere Eindrücke noch einmal strukturiert. Nicht „die Flüchtlinge“ sind eine „besonders zu behandelnde Zielgruppe“, vielmehr ergeben sich in den Sportgruppen Konstellationen, die in vieler Hinsicht sehr heterogen sind. Es fehlen eine gemeinsame Sprache, geteiltes Alltagswissen, und vertraute Rituale. Die Kinder und Jugendlichen bringen belastende Erfahrungen aus ihrer persönlichen Geschichte und dem aktuellen Alltag mit. Alle Beteiligten sind immer wieder verunsichert und müssen herausfinden, wie sie miteinander kommunizieren können und wollen. Um kultursensitiv Sport zu vermitteln, braucht man zumindest etwas Hintergrundwissen über die eigene Kultur und die der Kinder. Vor allem aber die Bereitschaft und Geduld, sich mit neuen, oft fremden Perspektiven und Einschätzungen auseinander zu setzen. Dabei scheinen Klarheit, Authentizität, Neugier auf Unbekanntes und ein Stück Gelassenheit eine gute mentale Basis für die Durchführung von Sportangeboten. Es gibt aber – und das sollte nun nochmals deutlich werden – keine Rezepte und keine definitiven Gelingensbedingungen für unsere Praxis. Als am Ende alle Teilnehmer/innen eine persönliche „take home message“ formulieren sollten, schrieb eine Person auf: „ein Rezept hat viele Zutaten“. Ein paar der Zutaten haben wir kennengelernt an diesem Tag.

Bericht: Maria Greshake
Fotos: Peter Rudnick